11 Schritte zur Vernichtung: So drängen Sie Muslime aus dem öffentlichen Leben

Gastbeiträge sind Beiträge von Personen, die nicht zur KDDM-Redaktion gehören. Gelegentlich wollen wir an Autor:innen und Verlage herantreten, um sie nach interessanten Beiträgen zu fragen. Gastbeiträge geben nicht unbedingt die Meinung der KDDM-Redaktion wieder.

Autor: Fabian Goldmann

Einst eine Spezialität rechter Blogs, werden „Islamismus“-Vorwürfe gegen Muslime des öffentlichen Lebens auch in seriösen Medien immer beliebter. Mit echten extremistischen Gefahren haben die Geschichten meist nichts zu tun. Mit gutem Journalismus auch nichts.

Meldung, Bericht, Feature, Reportage… Dies sind journalistische Darstellungsformen wie sie die meisten Medienschaffenden gelernt haben. Doch die Welt ändert sich. Journalistische Anspruchlosigkeit und gesellschaftlicher Rechtsruck bieten Medien die Chance, neue Wege zu gehen. Insbesondere in der Islamberichterstattung erfreut sich seit einigen Jahren ein neues Genre zunehmender Beliebtheit: die Vernichtung.

In den Nullerjahren auf rechtsextremen Blogs wie pi-news entstanden, ist die Textform heute aus vielen Medien nicht mehr weg zu denken. Gleichzeitig scheuen viele Medienleute noch immer vor den neuen Möglichkeiten zurück: sei es aus Unkenntnis, journalistischer Professionalität oder Anstand.

Dabei bietet die Vernichtung nicht nur ungeahnte Karrieremöglichkeiten. Sie befreit den Schreibenden auch vom unbequemen Ballast journalistischer Prinzipien. Vergessen Sie Sorgfaltspflicht, Faktentreue und Persönlichkeitsrechte! Mit diesen einfachen Schritten, richten Sie jede muslimische Karriere zugrunde und werden selbst zum Meister der Vernichtung.

1. Suchen Sie sich einen Muslim oder eine Muslimin des öffentlichen Lebens

Im Zentrum der Vernichtung sollte eine exponierte muslimische Person stehen (im Folgenden: „das Opfer“). Ihr Opfer kann zum Beispiel kürzlich in ein öffentliches Amt berufen worden sein, ein vielversprechendes Projekt gestartet haben oder eine Kooperation mit staatlichen Institutionen eingegangen sein. Auch eine Buchveröffentlichung, eine anstehende Preisverleihung oder irgendeine andere Art von öffentlicher Präsenz taugt als Anlass.

Ist keine Einzelperson zur Hand, kann auch ein Moscheeverein, eine islamische Religionsgemeinschaft oder irgendeine andere muslimische Gruppierung Gegenstand der Vernichtung sein.

Ziel Ihres Beitrags ist es nun, den Ruf dieser Person oder Institution öffentlich so sehr zu beschädigen, dass alle Gelder gestrichen, Projekte beendet und Kooperationspartnerinnen sich abwenden.

2. Bezeichnen Sie die Person als “Islamist”

Das erfolgreichste Instrument, um dies zu erreichen: Brandmarken Sie Ihr Opfer als „Islamistin“, „Muslimbruder“ der “Agenten des politischen Islam“. Keine Angst: Kenntnisse über echte islamistische Strukturen brauchen Sie nicht, schließlich hat ihr Text auch nichts mit echten extremistischen Bedrohungen zu tun. Die Verwendung des Labels „Islamist“ dient allein dazu, entsprechende Assoziationen bei Lesern zu wecken.

Ebenso wenig müssen Sie den Aufwand betreiben, wirklich die ideologische Einstellung ihres Opfers in Erfahrung bringen. Ein paar willkürlich konstruierte Verbindungen reichen völlig: Ein Foto zeigt, wie ihr Opfer bei einer Podiumsdiskussion neben jemanden sitzt, dem auch schon einmal Kontakt zur Muslimbruderschaft nachgesagt wurden? Ein Jahre alter aus dem Kontext gerissener Facebook-Post, irgendein Retweet, ein entfernter Verwandter…? Noch eine tendenziöse Bildunterschrift und schon haben Sie ihr Opfer als „Islamisten“ überführt.

3. Bleiben Sie so vage wie möglich

Sie können partout keinen Verbindungen zu irgendwas “Islamistisches” finden? Das macht nichts. Lassen Sie sich von fehlenden Fakten nicht abschrecken und bleiben Sie im Ungefähren. Schreiben Sie vage vom „Umfeld“ der Muslimbruderschaft oder nutzen sie Wortneuschöpfungen wie „Aktionsgeflecht“.

Machen Sie zahlreich von Konjunktiven wie „soll“ und Passivformen wie „wird nachgesagt“ gebraucht. Es gilt der Leitsatz: Je konkreter die Formulierung, desto größer die Gefahr, sie später auch beweisen zu müssen

4. Ignorieren Sie den Großteil der Tätigkeiten Ihres Opfers

Gerade bei Personen, die sich ein Leben lang demokratisch engagiert haben, ist es nicht immer leicht, sie als Islamisten zu diffamieren. Schließlich hat sich ihr Opfer gerade durch sein Engagement erst jenes öffentliche Amt, jenen Preis oder jene Projektförderung verdient, die nun Anlass für Ihren Text ist.

Das Gros der Tätigkeiten des Opfers muss deshalb unter allen Umständen verschwiegen werden. Hinweise auf interreligiöses Engagement, den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus oder eine umfassende feministische Vita bergen nur die Gefahr, unnötige Zweifel bei Leserinnen zu sähen.

Unbedingt zu ignorieren sind zudem Stimmen von Kollegen, Projektpartnerinnen und anderen Weggefährten, die Ihren Anschuldigungen widersprechen. Stellen Sie sie im Zweifel als Naivlinge dar.

5. Machen Sie es dem Opfer so schwer wie möglich, sich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen

Journalisten sollen alle Seiten zu Wort kommen lassen. Für Vernichtungsjournalisten gibt es zwei Möglichkeiten mit diesem antiquierten journalistischen Grundsatz umzugehen. Der einfachste und zugleich beliebteste: Ignorieren Sie ihn einfach und lassen sie ihr Opfer ahnungslos. Er oder sie wird schon noch rechtzeitig aus der Zeitung von seiner Vernichtung erfahren.

Die zweite Variante ist etwas komplizierter, führt aber meist zum selben Resultat: Senden Sie dem Opfer einen umfangreichen Katalog aus Suggestivfragen, unbelegten Unterstellungen und dramatisch formulierten Anschuldigungen zu. Das Opfer wird so schnell erkennen, dass es Ihnen nicht um eine faire und wahrheitsgemäße Berichterstattung geht. Schock, Verunsicherung oder Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit führen in aller Regel dazu, dass das Opfer von sich aus auf eine Antwort verzichtet.

Verringern Sie das Risiko, dass ihr Opfer Dinge zu seiner Entlastung vorbringt, zusätzlich, indem Sie die Antwortfrist so kurz wie möglich setzen. Sie recherchieren bereits seit Wochen zu der Sache? Warten Sie mit Ihrer E-Mail dennoch bis wenige Stunden vor Artikelveröffentlichung.

Sollte Ihr Opfer dennoch etwas zu seiner Entlastung vorbringen, betrachten Sie die Antwort stets nur als Rohmaterial zur weiteren Bearbeitung. Ignorieren Sie alle Aussagen, die Ihre Kritikpunkte entkräften können und identifizieren Sie Passagen, mit denen sich die bisherige Aussage Ihrer Vernichtung stützen lässt. Scheuen Sie nicht davor zurück, einzelne Worte und Wortgruppen in neuem Kontext neu anzuordnen. Das Zitieren ganzer Sätze birgt nur das Risiko, Leserinnen die Sichtweise des Opfers verständlich zu machen.

Es versteht sich von selbst, dass Interviews, in denen Beschuldigte ausführlich auf alle Kritikpunkte eingehen können, keinen Platz im Vernichtungsgenre haben.

6. Lassen Sie nur Personen zu Wort kommen, die ihr Opfer schlecht dastehen lassen

Gilt im konventionellen Journalismus die Maxime, Expertinnen nach ihrer fachlichen Kompetenz auszuwählen, sollten Vernichtungsjournalistinnen stets auf jene Zitatgeber zurückgreifen, die Ihrem Opfer am feindlichsten gesinnt sind.

Manche Redaktionen haben dazu bereits Karteien aus „Islamkritikern“, „Ex-Musliminnen“ und Rechtsaußen-Politikern angelegt, die auf Zuruf passgenaue Statements liefern. Dass viele dieser Personen den demokratischen Ansprüchen, an denen Sie ihr Opfer messen, selbst nicht genügen, sollte Sie nicht abschrecken.

Kritische journalistische Distanz ist hier Fehl am Platz. Betrachten Sie die Zusammenarbeit lieber als Kampf gegen den gemeinsamen Feind.

7. Seien sie unkritisch gegenüber Sicherheitsbehörden

Ihr Opfer oder dessen Kontakte (tatsächlich oder vermeintlich ist egal) werden in einem Bericht des Verfassungsschutzes erwähnt? Jackpot! Informationen von Sicherheitsbehörden haben gleich zwei Vorteile: Sie genießen in der Öffentlichkeit große Autorität, sind gleichzeitig aber häufig so schwammig formuliert, dass sie sich kaum widerlegen lassen.

Ist beispielsweise in einem Verfassungsschutzbericht von unbestimmten „Erkenntnissen“ zum „Umfeld“ einer Organisation die Rede, zu der sich Ihrem Opfer „mutmaßliche Berührungspunkte“ nachsagen lassen, ist die Vernichtung schon so gut wie erledigt. Platzieren sie solche Informationen so prominent wie möglich, am besten gleich in der Überschrift.

Unterlassen Sie Hinweise, dass sich Verfassungsschutz-Beamte in ihren Analysen häufig auch nur auf „journalistische“ Texte wie Ihren berufen. Vermeiden Sie zudem alle Einordnungen, dass es sich auch beim Verfassungsschutz um einen politischen Akteur mit eigenen Interessen und einer mehr als problematischen Bilanz im Umgang mit Minderheiten handelt.

Machen Sie sich außerdem die föderale Gliederung der Geheimdienste zu Nutze. Ordnen die Jahresberichte von 16 der 17 Verfassungsschutzämter Institution oder Akteur X nicht als islamistisch ist, sollten sie stets aus dem verbliebenen Bericht zitieren.

8. Machen Sich sich den Rassismus ihres Leserschaft zu Nutze

Sie haben Angst, Ihre Leserschaft könnte die offenkundigen Schwächen und Widersprüche Ihrer Argumentation bemerken? Dann visieren sie das falsche Publikum an. Erfolgreiche Vernichtungsschreiber richten sich an ein Publikum, das zugunsten der Bestätigung der eigenen rassistischen Klischees, nur allzu gern bereit ist, auf Fakten und Argumente zu verzichten.

Leserinnen, die ohnehin hinter jedem Imam einen Hassprediger, hinter jeder Kopftuchträgerin eine Islamistin und hinter jeder Deutsch-Türkin eine Agentin Erdoğans vermuten, sind dankbar für jede Bestätigung ihrer Weltsicht – egal wie abstrus die Anschuldigungen auch sind.

Die Belohnung erhalten Sie umgehend: in Form von Klicks und Aufmerksamkeit. Über AfD-Accounts und rechtsextreme Blogs orchestrierte Shitstorms sind wahres Gold für Abo- und Abrufzahlen. Lassen Sie sich nicht davon stören, dass die meisten Ihrer begeisterten Leser weitaus menschenverachtender und anti-demokratischer unterwegs sind als die Muslime, gegen die sie nun im Netz wüten. Betrachten Sie all die Morddrohung, Vergewaltigungsfantasien und rassistischen Anfeindungen, die Menschen infolge ihrer Berichterstattung erhalten, stattdessen als Auszeichnung Ihrer Arbeit.

9. Nach der Vernichtung ist vor der Vernichtung

Sie haben Ihren ersten Vernichtungstext veröffentlicht? Herzlichen Glückwunsch! Doch damit ist es nicht getan. Erinnern Sie sich: Ihr Ziel ist nicht, die Öffentlichkeit über einen bestimmten Sachverhalt zu informieren. Ihr Ziel ist Vernichtung. Und dieses Ziel ist erst erreicht, wenn sämtliche Förderungen Ihres Opfers zurückgezogen, Preise aberkannt, Projekte und Karrieren beendet worden sind.

Veröffentlichen Sie deshalb weitere Texte, in denen sie neue alarmistische Statements sammeln oder nun Kooperationspartner oder Politikerinnen, die sich nicht in Ihrem Sinne äußern wollen, der „Kapitulation vor dem politischen Islam“ beschuldigen.

Haben Sie schließlich Ihr Ziel erreicht, geht es von vorn los: Nutzen Sie nun die soeben erfolgreich als „islamistisch“ markierte Person oder Institution, um deren Projektpartnerinnen, Förderer oder Twitter-Follower zu vernichten.

10. Weiten Sie den Kreis potenzieller Islamisten kontinuierlich aus

Neben den endlosen Möglichkeiten von Kontaktschuldvorwürfen, bietet die Flexibilität des „Islamismus“- Begriffs das größte Potenzial für aufstrebende Vernichtungsjournalistinnen. Gemeinsam mit Politikern und Sicherheitsbehörden sollten sie stets daran arbeiten, die Definition des “Islamismus”-Begriffs und damit den Kreis potentieller Kandidaten für zukünftige Vernichtungstexte auszuweiten.

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen unter der Überschrift „Islamismus“ von Leuten die Rede war, die Anschläge begehen, Umstürze planen oder Menschen zum Hass anstacheln. Wortneuschöpfungen wie „legalistische Islamisten“ und verschwörungstheoretische Vorwürfe, Muslime würden ohnehin ihre wahren Absichten verschleiern, bieten schon heute grenzenlose Möglichkeiten: Ihr Opfer hat noch nie eine Straftat begangen und distanziert sich von jeglichem Extremismus? Deuten Sie genau das als Beleg seiner besonderen Gefahr!

Welches Potenzial sich darüber hinaus bietet, zeigen schon heute rechtsextreme Blogs. Dort reicht häufig schon das Tragen des Kopftuchs oder die Teilnahme am Freitagsgebet, um als Islamist „überführt“ zu werden. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

11. Lassen Sie sich nicht irritieren

Journalisten, die all diese Schritte befolgen können es mit der Zeit zu einer stattlichen Sammlung an Vernichtungen bringen: eingestellte antirassistische Projekte, beendete interreligiöse Arbeitskreisekreise, zurückgezogene Förderungen für Flüchtlingsiniativen, gescheiterte Zusammenarbeiten zur Extremismusprävention…

Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass all dies überhaupt nichts mit Islamismus zu tun hat. Mit Journalismus hat Ihre Arbeit schließlich auch nichts zu tun.

Dieser Beitrag ist zunächst am 30. Juni 2021 auf dem Blog www.schantall-und-scharia.de erschienen. Der Autor kann hier unterstützt werden einmalig via PayPal oder regelmäßig per Steady.

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